Schlagwörter

, , , , , , ,

Erinnerung an eine legendäre Tour mit dem Fotografen Mathias Knoppe und dem Schauspieler Yuri Garate

 

Ein bisschen haben uns alle für verrückt gehalten. Die Kubaner, die wir auf der Straße nach dem Weg fragten. Und die Leute zu Hause sowieso. Wer Alberto Korda sei, wollten die meisten wissen. Na der mit dem berühmten Foto von Che Guevara. Ach, der!

Das Originalfoto von Alberto Korda, das Image erlangte Weltruhm © Mathias Knoppe

Ursprünglich war die Kuba-Reise damals eine fixe Idee von Mathias Knoppe, Fotograf. Nun ja, Mathias hat viele fixe Ideen. Deshalb sahen ihn auch alle so mitleidig an, als er hinausposaunte, er wolle Alberto Korda porträtieren. Einfach so, um sich einen Traum zu erfüllen. Doch er schwärmte derart ausdauernd von diesem Vorhaben, dass er andere damit ansteckte. Letztendlich machten wir uns zu dritt auf den Weg. Yuri Garate, Schauspieler, kam als Übersetzer mit. Und ich aus purer Neugier. Als die Tickets gebucht waren, erschien es uns zum ersten Mal realistisch, dass unsere Spurensuche klappen könnte. Hamburg – Havanna und retour, vom 27.12.2000 bis 11.01.2001.

Warten auf Auskunft oder einen Drink?

Yuri und Mathias bei der Recherche

Eine Adresse haben wir natürlich nicht, auch keine Telefonnummer. Nur eine vage Ortsangabe aus einem Zeitungsartikel: Alberto Korda wohnt im Stadtteil Miramar, den Malecón runter und dann rechts. Auf gut Glück fragen wir jeden, dem wir in Havanna auf der Straße begegnen, neben dem wir im Café sitzen, jeden Taxifahrer. Die meisten halten uns für arme Irre. Nicht wenige machen sich einen Spaß mit uns und legen falsche Fährten. Andere laden uns zu sich nach Hause ein. Auf diese Weise lernen wir die City und ihre Bewohner ziemlich gut kennen. Trinken Wein aus Kaffeetassen und selbstgebrannten Rum von einer Destille im dritten Hinterhof, werden fast von einem herab fallenden Balkon erschlagen und kommen sogar in den Genuss einer Zukunftsdeutung durch einen Santero. Nur seine Abwehr der bösen Geister können wir nicht in Anspruch nehmen, weil uns dazu ein schwarzer Hahn für die Zeremonie fehlt.

Yuri, unser Kameramann

Am 29. Dezember dann haben wir endlich eine heiße Spur. Der Wachmann vom Hotel „Sierra Maestra“ meint, wir sollten mal bei Carlos Otero nachfragen, seinerzeit eine Fernsehberühmtheit in Kuba. Hilfsbereit begleitet er uns zu der Villa des TV-Stars. Otero öffnet für uns seine Haustür, wir dürfen einen Blick in eine kubanische Promi-Behausung werfen und werden tatsächlich mit der begehrten Anschrift versorgt: Straße 5A, am Rio Club. Praktisch um die Ecke. Es ist mittlerweile dunkel, als wir vor dem Mietshaus stehen. Sind wir hier richtig? Unser Blick fällt auf die beleuchteten Fenster im Erdgeschoss. Durch die Persianas können wir in die Wohnung schauen und wissen plötzlich, dass wir am Ziel sind: Drinnen an der Wand hängt es, das legendäre Bild, im Posterformat.

Dann steht der Meister selbst vor uns. Ein kleiner Mann mit grauen Haaren, verwittertem Gesicht und einer teuflisch riechenden Zigarette im Mund. Um den Hals hat er ein rotes Tuch geschlungen. Er begrüßt uns mit festem Händedruck und schaut uns erwartungsvoll an. Grinsend hört er sich unsere Geschichte an. Drei Leute, die ohne Auftrag, ohne Anmeldung, ohne Adresse tausende Kilometer von Hamburg nach Havanna gekommen sind, um ihn zu treffen. Wir wollen ihn fotografieren, filmen, ausfragen. Wir wollen wissen, was für ein Mensch hinter diesem berühmten Bild von Che Guevara steckt. Seine Reaktion ist ein karges Kopfnicken und die Vereinbarung über ein Honorar von 500 Dollar. Das sprengt zwar unsere schmale Reisekasse, aber jetzt aufgeben?

Warten auf den großen Meister in seinem Wohnzimmer

Am 4. Januar 2001 sind wir verabredet. Einen ganzen Nachmittag dürfen wir mit Alberto Korda verbringen. Er sitzt in einem Korbstuhl unter dem Che-Bild, professionell platziert für die Porträtfotos von Mathias. Aber seine Erzählungen von dem Bild sind alles andere als routiniert, obwohl er sie wohl tausendfach erzählt hat und sie überall nachzulesen sind. Das Foto verselbständigte sich, wurde zum Symbol. Korda zuckt gelassen mit den Schultern. Wie kann er Rechte an einem Bild einfordern, das längst der ganzen Welt gehört? Es gehört nicht nur der immer wieder nachwachsenden aufsässigen Jugend und ihren Plakaten, es gehört auch den Souvenirhändlern in Havanna, die das Bildnis mit Löttechnik auf Frühstücksbretter brennen. Dieser Kitsch, sagt Korda, kratzt ihn nicht. Aber eines, so betont er, schmerze ihn zutiefst. In Paris entdeckte er mal ein Parfüm, nach Che benannt, dessen revolutionsrote Verpackung das Bildnis zierte. „Parfüm!“, sagt Korda verächtlich. „Che roch nach Leder, nach Schweiß, nach Waffen. Aber nicht nach Parfüm!“

Modefoto 50er Jahre © Alberto Korda

Aus den Tiefen vergilbter Schachteln holt Korda weitere Fotografien hervor. Modeästhetik aus den 1950er Jahren. Schattenspiele aus Formen und Kontrasten. Wir sind hingerissen von der Erotik der feinen Linien, die in den Bildausschnitten mehr verbergen, als sie preisgeben. Die Fachsimpelei mit dem jungen Fotografen Mathias Knoppe macht Korda sichtlich Spaß. Er überlässt ihm zwei Originalabzüge. Die beiden vereinbaren sogar, sich im Frühsommer in der Schweiz zu treffen.

Aber daraus wurde nichts mehr. Am 26. Mai 2001 starb Alberto Korda nach einem Herzinfarkt in Paris. Uns dreien bleibt er in Erinnerung, wie er in seinem Wohnzimmer saß, an seinem Glas Rum nippte, Vega ohne Filter rauchte und Mathias das Geheimnis seiner Fotografie enthüllte: „Du musst machen, was du fühlst. Mit dem Herzen sehen, das ist alles.“

Alberto Korda bei Wiki

Mathias Knoppe, Fotograf, Hamburg – Homepage

Yuri Garate, Schauspieler und Schauspiellehrer, Berlin – Homepage

Christiane Sternberg, Journalistin/Autorin, Nikosia/Zypern – Autorenseite 

Porträt von Alberto Korda vor seinem berühmtesten Bild © Mathias Knoppe

 

Advertisements