Spielschulden sind Ehrenschulden

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , ,

Es mutet geradezu rührend an, wie sehr sich in der Republik Zypern die Volksvertreter um ihr Volk sorgen. Niemand soll unter seinen Schulden so sehr leiden, dass er sein Dach über dem Kopf verliert und samt Familie auf der Straße landet. Deshalb wird sorgfältig an Insolvenzregeln geschraubt und das Zwangsvollstreckungsgesetz seit Dezember hinausgezögert. Ein Sicherheitsnetz soll die Gestrauchelten schützen, die in der Krise bankrott gehen und ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Das ist ein fairer Versuch, persönliche Katastrophen zu vermeiden.

© Kauriana

© Kauriana

Aber von volkswirtschaftlicher Verantwortung zeugt diese Absicherungstaktik nicht. Derzeit gelten 50 Prozent aller Kredite – ob Konsum- oder Geschäftskredite – als “faul”. Zu deutsch: Sie können nicht zurückgezahlt werden. Bekommen die Banken ihr Geld nicht, droht ein weiterer Ausfall. Viel schlimmer aber: Anschubfinanzierungen für Investitionen werden schwieriger, wenn den Banken beim Eintreiben der Schulden die Hände gebunden werden. Das hemmt die wirtschaftliche Entwicklung.

Wer sich ein Haus auf Pump baut, muss damit rechnen, das geborgte Geld zurückzuzahlen. Mit Zins und Zinseszins, wie es so schön heißt. Dass die Bank es zurückfordert, macht die Sache vielleicht unsympathisch, aber nicht unmoralisch. Verwerflich ist schon eher, mit welch verlockender Einfachheit es in Zypern möglich war (im Norden noch immer ist), einen Hauskredit zu bekommen. Oder Kredite für Autos, Urlaub, Studienfinanzierungen. Oder Firmenkredite. Als Sicherheit reichte meist der Nachweis über ein festes bzw. regelmäßiges Einkommen, die Höhe spielte dabei kaum eine Rolle.

Hauptsache, es wurden ein bis zwei Bürgen benannt. Die sind eigentlich dafür da, für die Verbindlichkeiten einzustehen, wenn der Schuldner nicht zahlen kann. Doch in Zypern bürgte jeder für jeden, oft leichtfertig mit dem eigenen Haus für die hohe Summe, die Verwandte, Freunde oder Kollegen aufnahmen. Obwohl die Bürgen selbst auch wieder bei einer Bank in der Schuld standen.

Im Mittelalter war ein Bürge jemand, der nach einem begangenen Verbrechen dafür sorgte, dass die Rache am Täter vollzogen werden konnte. Dass der Flüchtige sich also stellte oder die Tat sühnte. Wahrscheinlich landete der Bürge selbst am Galgen, wenn sich der Strolch nicht auslieferte.

Vor den Konsequenzen ihres unüberlegten – und ihnen so unverantwortlich leicht gemachten – Tuns sollen in Zypern nun auch die Bürgen qua Gesetz geschützt werden. Mit einem festen Satz für den Selbstbehalt, der Möglichkeit, die Schuld in Raten zu begleichen und der Unantastbarkeit ihres Eigenheims. Solange sie es nicht als Sicherheit angegeben haben.

© Marcos Gittis

© Marcos Gittis

Der zyprische Staat hat seine Bürger jahrzehntelang der Willkür der Banken überlassen. Dafür bekommen nun alle Beteiligten die Quittung. Dabei beschützte er doch das Volk in anderen Fragen mit geradezu väterlicher Strenge vor sich selbst. Indem zum Beispiel bislang keine Casinos existieren, weil die spielwütigen Zyprer sich darin um Kopf und Kragen bringen würden. In Nordzypern gibt es zwar Spielbanken, aber die Einheimischen dürfen sie nicht betreten. Residenzverbot nennt man das und eine solche Regelung galt bis in die 1980er Jahre auch in Deutschland.

Nun soll aber die Republik Zypern ein Casino-Resort bekommen. Las Vegas am Mittelmeer. Im Casino-Gesetz in seiner Form von 2014 steht nichts davon, dass Zyprer keinen Zugang haben dürfen. Was aber, wenn sie dabei Haus und Hof verspielen? Gibt es dann in ein paar Jahren wieder ein Gesetz, das es verbietet, Spielschulden einzutreiben?

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 66 Followern an