Wasser – kein trockenes Thema

Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Zypern – die Sonneninsel. An 300 Tagen im Jahr strahlt sie hier vom Himmel und macht das Land zu einem Urlaubsparadies. Und zu einem Albtraum für die Wasserversorgung. Denn obwohl von Mai bis Oktober kein Tropfen Regen fällt, ist der Wasserbedarf bei bis zu 43 Grad extrem hoch. Aber wo kommt in Zypern eigentlich das Wasser her?

Nur noch der Kirchturm von Alassa schaut aus dem Wasser des Kouris Stausees © Marcos Gittis

Nur noch der Kirchturm von Alassa schaut aus dem Wasser des Kouris Stausees © Marcos Gittis

Als die Kirche des Heiligen Nikolaus in den Fluten versank, hat sich wohl so mancher bekreuzigt. Aber der Untergang der Dofkirche von Alassa war nicht Teufelswerk, sondern Teil einer heilsbringenden Maßnahme. Denn das Kirchlein wurde einem Element geopfert, das in Zypern kostbarer ist als Gold: Wasser! Für den Bau des Kouris-Damm musste das gesamte Dorf Alassa 1985 umgesiedelt werden. Die Kirche blieb an ihrem Fleck und fiel dem steigenden Wasserspiegel zum Opfer. Im Jahre 2004 wurde sie ganz aufgegeben und ist heute eine Attraktion für Taucher.

Der Kouris-Damm ist der größte von über 100 Staueinrichtungen in Zypern. Die künstlichen Auffangbecken deren Ära in den 60er Jahren steil anstieg, sind ein Segen für das von Trockenheit geplagte Zypern. Mit ihrer Hilfe wird das Wasser der Winterzeit in großen Mengen bewahrt für die heißen Monate, in denen kein Tropfen Regen auf die ausgedörrte Erde fällt.

Der Milikouri Wasserfall in Pano Platres © Marcos Gittis

Der Milikouri Wasserfall in Pano Platres © Marcos Gittis

Von den 35 Flüssen und Flüsschen, die sich über die Insel schlängeln führt nicht einer ganzjährig Wasser. Sie alle werden vom Schmelzwasser aus den schneebedeckten Troodos-Bergen und von Regenfällen gefüllt. Ab April trocknen sie stetig aus und es bleibt nichts weiter von ihnen übrig als ein steiniges Bett.

Schon die Urahnen der Zyprer in grauer Vorzeit schlugen sich mit dem Problem herum. Archäologen fanden erst kürzlich wieder bei Ausgrabungen an der antiken Stadt Idalion eine Art Tempel mit einem Kultstein in einer Felsengrotte, der vermutlich vor 3.200 Jahren dazu diente, eine Gottheit um Wasser anzuflehen.

Unter den Römern war, wie gewohnt, auch die Wasserversorgung in Zypern generalstabsmäßig organisiert. Von diversen Quellen führte ein System aus Terrakotta-Rohren und Aquädukten das Wasser über etliche Kilometer in große Zisternen und Brunnenhäuser der alten Städte, die dann öffentliche Wasserstellen speisten aber auch Gebäude wie das Theater, die Bäder oder das Stadion versorgten. Im Archäologischen Park von Pafos zum Beispiel ist dieses Rohrsystem noch heute zu bewundern. Und Reste eines römischen Aquädukts stehen noch immer in Agia Napa.

Wasserrad © Marcos Gittis

Wasserrad © Marcos Gittis

Diese durchaus effektive Methode fiel in der Byzantinischen Periode allerdings den Überfällen ausländischer Mächte zum Opfer, vor denen sich die Bewohner ins Landesinnere flüchteten und wieder ganz von vorn beginnen mussten. Sie siedelten sich praktischerweise um vorhandene Quellen und Erdbrunnen herum an. Von dort schleppten sie das Wasser mit Tonkrügen oder in imprägnierten Tierhäuten in ihre Häuser.

Die Franken und Venezianer, die vom 12. bis ins 16. Jahrhundert die Landwirtschaft der Insel in großen Nutzflächen organisierten, legten Aquädukte und Brücken an, um das Wasser in ausgewählte Gebiete zu leiten. Die venezianischen Brücken im Troodos sind heute zwar nicht mehr nutzbringend, aber dafür sehr romantische Plätze für Spaziergänge und Picknicks.

Unter den Osmanen ab 1571 wurden Flüsse wie der Ezousa und der Dhiarizos nach dem Dekret des Sultans privatisiert und die Wasservergabe oblag dem Besitzer. Aber auch eine sehr effektive Form der Wasserverteilung wurde in dieser Zeit installiert: Durch sogenannte Brunnen-Ketten waren die Wasserstellen verbunden und transportierten das begehrte Nass für den häuslichen Bedarf auf neue, ökonomische Weise.

© Wassermuseum Nikosia

© Wassermuseum Nikosia

Die Einrichtung von öffentlichen Brunnen in den einzelnen Vierteln der Städte ging ab den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts voran. Die Wege wurden kürzer, aber noch immer mussten sich die Bewohner selbst jeden Morgen versorgen. Lange Schlangen bildeten sich vor den Wasserstellen, die zum nachbarschaftlichen Treffpunkt wurden. Nur die ganz reichen Stadtbewohner kamen in den exklusiven Genuss, von personalisierten Verteilerstationen per Leitung Wasser direkt ins Haus geführt zu bekommen.

In den 50er und 60er Jahren stieg der Bedarf nach fließend Wasser in den Häusern rasant an. Nicht nur durch die wachsende Bevölkerung, sondern auch durch das erhöhte Tourismusaufkommen und dem Wunsch nach einem höheren Lebensstandard, zu dem auch wassergespülte Sanitäranlagen gehörten. Mit der Gründung des Wasserwirtschaftsamtes in Nikosia und anderen Bezirken ab 1953 begann die zentrale und gezielte Entwicklung moderner Wasserversorgung in Zypern. Fließendes Wasser in den Häusern wurde Standard und die Staudämme sorgen für eine relative Kontinuität in der Wasserversorgung. Doch auch sie bleiben während trockener Jahre leer. So auch 2008, als Trinkwasser in großen Tankschiffen von Griechenland herüber geschifft werden musste. Mehr oder weniger freiwillig nehmen die Zyprer regen Anteil an den Niederschlagsmengen. Nicht umsonst wird so viel über‘s Wetter gesprochen. Gehen die Reserven zur Neige, verordnet die Regierung Sparmaßnahmen und im äußersten Fall sogar zeitlich reglementierte Wasserversorgung. Werden die Dämme in anderen Jahren überflutet, finden sich hunderte Schaulustige ein, die das Wunder bestaunen, feiern und fotografieren.

Seit die Republik Zypern ab 1997 ihre Salzwasseraufbereitungsanlagen in Betrieb genommen hat – die fünfte wurde 2013 eingeweiht – macht sich das Land immer unabhängiger vom Regenfall. Die türkischen Zyprer werden künftig aus der Türkei per Unterwasser-Pipeline mit Trinkwasser versorgt. Das Projekt soll noch dieses Jahr fertiggestellt werden.

© Wassermuseum Nikosia

© Wassermuseum Nikosia

Trotz fließend Wasser aus der Wand neigen die Zyprer noch heute dazu, sich ihr Wasser nach eigenem Geschmack zu besorgen. Die stationären Wasserspender an den Straßen bieten das Nass aus den Quellen aus den Bergdörfern. Und an den sprudelnden Quellen im Troodos-Gebirge erfrischen sich nicht nur Wanderer, sondern hier decken sich manche Zyprer mit vollen Kanistern für mehrere Wochen mit köstlichem Bergwasser ein. Ehe die Behälter voll sind, sammelt sich manchmal eine Warteschlange an. Und dann ist es wie in alten Zeiten – man steht beieinander beim Wasserholen und kommt ins Erzählen. Wahrscheinlich übers Wetter.

Einen liebevoll gestalteten Überblick über die Perioden der Wasserversorgung in Zypern gibt es im Freiluftmuseum der Wasserbehörde in Nikosia, Athalassa-Allee 84; Öffnungszeiten Mo-Fr von 7.30 bis 15 Uhr

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 67 Followern an