Zwangsehe à la Zypern

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+++ Zypernproblem gelöst! +++ Kompromisse öffnen den Weg zu einer Wiedervereinigung! +++

DAS wären doch mal Schlagzeilen, die man über den Ausgang der Zypernverhandlungen lesen möchte. Da sitzen die Vertreter von Zypern, Griechenland, Türkei, England, UN und EU eingepfercht in einem Hotel in Crans-Montana/Schweiz und … Ja, ja tatsächlich, sie tagen schon wieder. Bekommt außerhalb Zyperns wahrscheinlich kaum jemand mit. Viel zu oft wurde berichtet und dann platzte die hoffnungsvolle Seifenblase wieder. Statt weißem Rauch stieg bisher immer nur heiße Luft auf.

Seit Wochen versucht die Bürgerbewegung UniteCyprusNow den Politikern Dampf unterm Hintern zu machen. Jeden Abend, an den Samstagen vormittags, treffen sich Zyperngriechen und Zyperntürken am Grenzübergang Ledrastraße und fordern ihre Vertreter auf, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. „Be Leaders, not Losers!“ Nun muss man sich die Anzahl der Teilnehmer nicht in Größenordnungen der Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989 vorstellen – nicht mal annähernd. Hundert Leute mit hochgehaltenen Schildern sind hier schon eine Masse. Das spärliche Erscheinen hat mehrere Ursachen:

  1. das Wetter – im Café sitzt es sich halt angenehmer
  2. das Internet – manche denken, ein „Like“ ist eine wirkungsvolle Alternative zum persönlichen Erscheinen
  3. das Desinteresse – eigentlich lebt es sich mit dem Status Quo doch ganz gemütlich („hat sich alles so schön eingeschaukelt“, um es mit dem unsterblichen Tucholsky zu sagen)
  4. die Angst – vor einer ungewissen Zukunft („Was wird denn, wenn wir nicht friedlich zusammen leben können?“)
  5. die Entfernung – Nikosia ist weit weg und was geht jemanden in Limassol oder Pafos die Teilung an?

Dann gibt’s natürlich auch noch die, welche mit den Türken den Untergang des Abendlandes, sprich: des hellenischen Zypern, assoziieren. Aber die tauchen zum Glück nicht zur täglichen Gegendemo auf.

Tanz für den Frieden! Die Organisatoren von #UniteCyprusNow sorgen immer für Highlights bei den Demonstrationen.

Am übelsten aber ist, dass die Brautleute von Nord und Süd, die einer arrangierten Hochzeit entgegensehen, sich einander überhaupt nicht kennen. Nach der Trauung (=Referendum) sollen sie miteinander ins Bett steigen und eine glückliche Ehe führen. Dabei wissen sie nichts, bzw. größtenteils nur Vorurteile voneinander. Dass sie viele Gemeinsamkeiten haben, ist den Generationen, die nach 1974 aufgewachsen sind, überhaupt nicht bewusst. Seit 2003 (14 Jahre!) können sie den jeweils anderen Landesteil besuchen – und doch sind sie einander fremd geblieben.

Das großartige Theaterprojekt „Myths and Tales from/across the Divide“ hat bei einem Workshop geschafft, was eigentlich in allen Schichten der Gesellschaft stattfinden müsste: Miteinander reden! Einander zuhören! Die jungen Leute sind aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, als sie merkten, wie viel sie verbindet. Wir hatten das Glück, an mehreren Wochenenden beobachten zu können, wie zusammen wächst was zusammen gehört. (Hier die Multimedia-Reportage mit Clip, Feature und Selfie-Interviews der Teilnehmer und Macher)

Spaß bei den Proben! Vorführungen in Nikosia am 2. und 6. Juli 2017 Foto © CIPS/Marcos Gittis

Einen pragmatischen, aber äußerst wirkungsvollen Weg, die widerspenstigen Nachbarn zu einer Annäherung zu bewegen, hat Sir Stelios Haji-Ioannou gefunden: Geld! Die philanthropische Stiftung des Easyjet-Gründers, der aus einer griechisch-zyprischen Reederfamilie stammt, lobt seit 2009 jährlich die Cyprus Bi-Communal Awards aus. Die aus Teilnehmern beider Volksgruppen zusammengesetzten Gewinner-Teams bekommen je 10.000 Euro. Neben bi-kommunalen Ehepaaren und wirtschaftlichen Kooperationen waren 2016 unter den fünfzig Preisträgern auch Kulturschaffende und soziale Projekte.

Sir Stelios bezahlt übrigens auch dafür, dass zehn Abgesandte von #UniteCyprusNow nach Crans-Montana reisen konnten, um sich als Gewissen der Nation am Tagungsort postieren zu können.

Was auch immer ihre politischen Führer ausknobeln in der Schweiz – den Ehevertrag müssen die Zyprer unterschreiben. Woher aber sollen sie wissen, mit wem sie künftig Tisch und Bett teilen, wenn sie sich nicht mal auf ein Date vorher treffen? Wenn nach der Hochzeitsnacht das Laken öffentlich ausgehängt wird, stammt der Blutfleck hoffentlich vom Liebesakt und nicht vom ersten Ehekrach.