Diese Frau trägt lila!

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Ein Lebensabend im Süden – das muss der Traum vieler kälte- und stressgeplagter Nordländer sein. Pausieren unter Palmen, faulenzen unter Feigen, Müßiggang am Mittelmeer! Aber dann wird es für die meisten von ihnen doch nur ein Gammeln im Garten. Oder Picheln im Pub. Denn was im Urlaub attraktiv erscheint, dieses süße Nichtstun, das verwandelt sich in grässliche Langeweile, wenn man es 20 Jahre tagein, tagaus betreibt. Deshalb verschreiben sich viele Expats der Wohltätigkeit oder dem Tierschutz im Gastland.

ZypernEs gibt aber nur ganz wenige, die sich so intensiv in die Gesellschaft einbringen, dass sie etwas Bleibendes schaffen und ihren Namen in die Geschichte des Landes einschreiben. Eine davon ist Heidi Trautmann. Für ihr Engagement in Nordzypern wurde sie im Januar 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Ihr Weg dorthin beginnt 2001 ganz unspektakulär. Nicht als Heldentat, sondern als Zufall.

book2Fünf Jahre lang war sie mit Kalle, ihrem Mann, kreuz und quer durch das Mittelmeer gesegelt. Sie hatten ihr Haus in Deutschland verkauft und lebten auf ihrer 14-Meter-Yacht „Early Bird“. „Wir waren schon immer Reisende“, erzählt Heidi. Sie selbst brachte als junge Frau zehn Jahre in Afrika zu, lebte in Angola, in Südafrika und Nigeria. Später tourte sie als Reiseleiterin durch die ganze Welt. Sie spricht Französisch, Portugiesisch, Italienisch, Spanisch, Englisch. Seit Zypern ihre Heimat geworden ist auch Türkisch und Griechisch „für den Tagesgebrauch“, wie sie es nennt. Sie kennt sich in anderen Ländern besser aus als in Deutschland. „Wenn ich mal alt bin, trage ich lila und besuche Deutschland als Touristin“, hatte sie sich vorgenommen. Das Lila wie im Gedicht von Jenny Joseph* steht ihr ausgezeichnet. Doch für ihr zweites Vorhaben hat sie nie die Zeit gefunden.

Zypern

„Man bekommt vom Schicksal etwas geschenkt und greift zu.“ Sätze wie dieser durchziehen ihre bodenständigen Erzählungen wie ein Goldfaden ein handgewebtes Tuch. Das Geschenk des Schicksals war für sie ein Stopp im Hafen von Kyrenia. Ein eher unspektakulärer Halt auf einer Segelregatta im östlichen Mittelmeer. Doch die Winde, die sie hierher geweht hatten, verzauberten ihr den Aufenthalt. „Ich war fasziniert von dem weißen, fast biblischen Licht, das über der Mesaoria-Ebene lag.“ Die Künstlerin in ihr war verzückt. Die Seglerin vielleicht müde. „Kalle sagte, uns wird das Boot zu schwer, weil ich so viele Steine gesammelt hatte auf unseren Reisen.“

Sie wohnten mit der „Early Bird“ im Hafen, bis ihr Haus in der hügligen Landschaft des Fünffingergebirges fertig gestellt war. Die großen Bäume, die ihnen heute Schatten spenden, pflanzten sie mit ihren eigenen Händen. ZypernDas Haus ist ein „Gemeinschaftsprojekt“ für sie und Kalle, für ihre fünf Söhne, sechs Enkel und die zwei Urenkel. Aber so sehr Heidi der Hausbau damals auch beansprucht haben mochte, ihr Kopf war frei für künstlerische Abenteuer. Neugierig eroberte sie sich das neue Terrain. „Wo ist hier die Kunst?“, fragte sie sich durch in der Szene von Nordzypern. Sie erschien bei Ausstellungen und knüpfte Freundschaften zu Künstlern. Als sie gewahr wurde, dass die englischsprachigen Bewohner keine Ahnung von dem reichen, prallen Kulturleben der Einheimischen hatten, drängte es sie, zwischen den beiden Polen zu vermitteln. Sie schrieb Künstlerportraits und Reviews für Zeitungen und ihren eigenen Blog, sie lud ein und brachte Publikum und Künstler zusammen. Immer tiefer tauchte sie ein in diese Welt. Seit zehn Jahren zeichnet und malt sie selbst jede Woche in ihrem eigenen Wohnzimmer als Teil der „Donnerstag-Künstlergruppe“.

Zypern

Heidi Trautmann ist zu einer Institution geworden für die Künstlerszene in Nordzypern. Zu einer Mäzenin, die nicht mit Geld unterstützt, sondern mit ihrer Fähigkeit, die Menschen zusammenzubringen, Ausstellungen im Ausland zu vermitteln oder mit nicht ermüdender Begeisterung über „ihre“ Künstler zu erzählen.

Schon einmal, vor vielen Jahrzehnten in Johannesburg, hat Heidi ein Künstlerleben beeinflusst. Ihr damaliges Kindermädchen Helen schaute ihr oft beim Malen zu und um deren Talent zu fördern, schenkte Heidi ihr eine Staffelei, Farben, Pinsel. Heute ist Helen unter ihrem vollen Namen Mmakgabo Mmapula Mmankgato Helen Sebidi eine bekannte Malerin und zählt zu den „21 Icons“ Südafrikas. „Wenn ich etwas richtig gemacht habe in meinem Leben, dann das“, sagt Heidi bestimmt und bemüht sich nicht, den Stolz in ihrer Stimme zu unterdrücken.

In Nordzypern sind es nicht nur Einzelne, die von Heidis Engagement profitieren. Mit ihren Büchern „Art & Creativity in North Cyprus“ Zypern(Band zwei erscheint 2015) legt Heidi Trautmann das erste vollständige Kompendium über die Kunstszene in Nordzypern vor. Von Malerei bis Theater hat sie eine kreative Landschaft kartografiert, die sonst weder im Ausland noch national viel Anerkennung erfährt. „Man muss sich das mal vorstellen – es gibt kein Kunstmuseum in Nordzypern. Seit Jahren kämpfe ich dafür, dass die Tradition der türkisch-zyprischen Kunst einen würdigen Rahmen erhält.“ Aber nicht nur dafür setzt sie sich ein. Bi-kommunale Begegnungen von Künstlern sind ihr ein Herzensanliegen. Bei Vernissagen griechisch-zyprischer Galerien ist sie ebenso häufig anzutreffen wie bei Ausstellungseröffnungen im Norden.

Heidi VerleihungZur Verleihung des Bundesverdiestkreuzes in der Residenz des deutschen Vize-Boschafters in Nikosia waren auch ihre „Künstlerfreunde der ersten Stunde“ mit eingeladen. „Diese Auszeichnung ehrt ja irgendwie uns alle, nicht nur mich.“

Obwohl Heidi inzwischen etwas kürzer tritt und ihre regelmäßigen Kolumnen in diversen Zeitungen und Magazinen aufgegeben hat, bleibt sie weiterhin an der Entwicklung der neuen Künstlergeneration interessiert.

„Man muss immer in Bewegung bleiben. Nur so kann man an Kreuzungen gelangen, um sich zu entscheiden, wohin man gehen will. Und ich, ich will gebraucht werden.“

Website von Heidi Trautmann (Vita, Bilder, Bücher, Reviews)

 Fotos (außer Buch und Verleihung): © Marcos Gittis

 

*Warnung

(Jenny Joseph; Übersetzung: Claudia Schumann)

Wenn ich einmal eine alte Frau bin, werde ich Purpur tragen,

Zusammen mit einem roten Hut, der nicht dazu passt und mir nicht gut steht.

Und ich werde meine Rente ausgeben für Cognac und Sommerhandschuhe

Und Sandalen aus Satin.
 Und ich werde sagen: “Für Butter haben wir kein Geld.”

 

Ich werde mich auf den Bürgersteig setzen, wenn ich müde bin,

Und Gratisproben in den Geschäften verschlingen

und Alarmglocken läuten

Und meinen Stock gegen die Zäune der öffentlichen Anlagen klappern lassen

Und Schluss machen mit der Angepasstheit meiner Jugend.

Ich werde in meinen Hausschuhen in den Regen rausgehen

Und Blumen pflücken, die in anderer Leute Gärten wachsen,

Und lernen zu spucken.

 

Man kann dann die schrecklichsten Blusen tragen und richtig dick werden

Und drei Pfund Würstchen auf einmal aufessen,

Oder eine Woche lang sich von Brot und sauren Gurken ernähren,

Und Bleistifte und Kulis und Bierdeckel und anderen Kleinkram horten.

 

Aber jetzt müssen wir vernünftige Kleider haben, die uns trocken halten,

Und unsere Miete zahlen und keine Schimpfwörter auf der Straße benutzen

Und gute Vorbilder für die Kinder sein.

Wir müssen Freunde zum Essen einladen und die Tageszeitung lesen.

 

Aber sollte ich vielleicht nicht jetzt schon ein bisschen üben?

Damit die Leute, die mich kennen, nicht zu schockiert und überrascht sind

Wenn ich plötzlich alt bin und anfange, Purpur zu tragen.

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