Ein Wort-Schatz

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Es braucht nur etwa 1500 Wörter, um sich in einer anderen Sprache verständigen zu können. Mit so einem Grundwortschatz ist es erwiesenermaßen möglich, 85% eines normalen Textes zu verstehen. Auf dieser Basis scheint es verwunderlich, warum in Zypern als teilendes Element zwischen Nord und Süd immer wieder die Sprachbarriere ins Feld geführt wird. Denn die Zyprer sprechen einen Dialekt, in dem griechische und türkische Wörter miteinander verschmolzen sind oder sich zumindest ähneln. Das gerade erst erschienene Wörterbuch dieser zyprischen Sprache* präsentiert 3425 gemeinsam genutzte Wörter. 1840 türkisch-zyprische Wörter erscheinen im griechisch-zyprischen Dialekt, 840 griechisch-zyprische Wörter wiederum im türkisch-zyprischen. Zusätzlich werden 510 türkische Wörter auch im modernen Griechisch verwendet und 355 haben sich den Weg aus anderen Sprachen in den zyprischen Dialekt gebahnt.

WörterbuchDie beiden Volksgruppen haben faktisch schon eine gemeinsame Sprache, die es nur noch auszubauen gilt, wenn man künftig eventuell ein geeintes Land wird. Dazu muss man sich natürlich zu dieser Sprache bekennen. Inwieweit in türkisch-zyprischen Schulen der zyprische Zungenschlag gelehrt wird, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Aber in der Republik Zypern gilt das Hoch-Griechische sozusagen als einzig richtige Sprache. Dabei unterscheiden sich Griechisch und der griechisch-zyprische Dialekt massiv voneinander. Fast könnte man denken, dass sich ein Zyperngrieche in der Alltagssprache besser mit einem Zyperntürken verständigen könnte als mit einem Griechen. Provokation beiseite! Es gibt ja Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Kleanthes K. Grohmann, Professor für Linguistik an der Universität Zypern, schaut dem zyprischen Volk aufs Maul. Bei seinen Forschungen zur Sprachentwicklung von Kindern untersucht er u.a. auch die Unterschiede zwischen Griechisch, dem Neugriechischen, wie es auch in Griechenland gesprochen wird, und Zyprisch, der zyprisch-griechischen Varietät.

Grohmann

© CIPS / Marcos Gittis

** Kann sich ein Grieche problemlos in Zypern verständigen?

K.G.: Etwas vereinfacht ausgedrückt verstehen die Zyprer die Griechen, aber ein Grieche, der zum ersten Mal in Zypern ist, versteht hier so gut wie nichts.

Wie kommt das?

K.G.: Zum einen sind Aussprache und Satzmelodie grundverschieden, zum anderen besitzt das Zyprische einen ganz anderen Wortschatz. Begrüßt man sich auf Griechisch mit „Ti kanis?“ (Wie geht’s?), hört man im zyprischen Dialekt etwa: „Indambu kamnis?“

Ist das Zyprische nun eine eigene Sprache oder einfach nur ein besonders abseitiger griechischer Dialekt?

K.G.: Der Unterschied zwischen Sprache und Dialekt ist schwierig zu definieren. Das Schweizerdeutsch gilt zum Beispiel als eine eigene Sprache mit definierten Standards, wie Grammatik oder Rechtschreibung. Das Österreichische wiederum hat zwar etwa 20.000 eigene Wörter, ist aber in seinen Regeln an das Hochdeutsche gekoppelt. Und das Zyprische hat ebenfalls keine eigenen Standards, nicht einmal eine adäquate Verschriftlichung. Also gilt es wohl als Dialekt, oder sagen wir neutraler: Varietät.

Was meinen Sie mit der fehlenden Verschriftlichung?

K.G.: Die gängige Aussprache mit „tsch“- Lauten, die etwa aus dem griechischen „ke“ (und) ein „tschä“ macht, hat im griechischen Alphabet keine Entsprechung. Wollte man das Zyprische niederschreiben, müsste man erst Buchstaben dazu erfinden oder zumindest durch Zusatzzeichen verändern.

Stimmt es denn, was viele Zyprer stolz behaupten, dass auf der Insel noch das antike Griechisch gesprochen wird?

K.G.: Das ist kompletter Unsinn! Das Zyprische hat sich seit der Antike als südöstlicher Dialekt parallel zum Festlandsgriechisch entwickelt. Seit dem Mittelalter war die Insel wegen der vielen Eroberungen vom restlichen Griechenland isoliert. Hier hat sich also eher eine Form des byzantinischen Griechisch jener Zeit weiterentwickelt.

Was ist denn nun eigentlich die offizielle Sprache in Zypern?

K.G.: Die offizielle Landessprache in der Republik Zypern ist Dimotiki, also das standardisierte Neugriechisch. Das wird auch in den Schulen unterrichtet, auf dem Papier zumindest. Den Kindern, die den zyprischen Dialekt zu Hause ja von klein auf erwerben, ist es sogar untersagt, ihn in der Schule zu benutzen. Für sie ist das Griechische eigentlich eine Fremdsprache, die sie nie perfekt beherrschen werden, weil sie sich darin nicht unterhalten. Ihre Muttersprache und Umgangssprache ist zyprisches Griechisch. Doch das wiederum existiert ja in schriftlicher Form überhaupt nicht. Also kann man es nicht mal lesen lernen.

Besteht die Gefahr, dass das zyprische Griechisch aussterben wird?

K.G.: Zyprisch ist eine sehr lebendige Varietät, anders als ähnliche Dialekte wie zum Beispiel auf den Dodekanesen, also Kos oder Rhodos. Er wird durchgängig gesprochen, es gibt sogar Theaterstücke auf Zyprisch oder Hip-Hop-Lieder. Mit einer umfassenden Sprachreform könnte man Regeln für das Zyprische verfassen, die es in der gesprochenen Sprache ja schon gibt. Zumindest würde das den Kindern im Unterricht die Möglichkeit geben, ihre Alltagssprache direkt mit dem Griechischen zu vergleichen. So könnten sie auch die Unterschiede klarer erkennen und beim Gebrauch des Griechischen weniger Fehler machen.

Mehr zur Arbeit von Prof. Grohmann und seinem Forschungsteam: www.research.biolinguistics.eu/CAT

* “Joint Dictionary of Greek Cypriot & Turkish Cypriot Dialect”, von Iakovos Hadjipieris und Orhan Kabatas

** Interview aus der Zypern-Rundschau von September 2014

 

 

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