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Die Bürger von Zypern sind wahrlich zu beneiden. Die hiesige Politik ist rührend um das Seelenheil der Bewohner bemüht. Dabei arbeitet sie mit den Behörden Hand in Hand. Nur so ist es möglich, einen Film wie „Akamas“ sechs Jahre lang erfolgreich zu deckeln. Das Movie lief bei der Biennale in Venedig, bei Filmfestivals in Los Angeles, Thessaloniki, Istanbul und Rhodos. Nun, in Zypern selbst wurde zwar viel über den Film debattiert, aber öffentliche Aufführungen haben nach wie vor Seltenheitswert. Zypern hat sich in der Vergangenheit ansonsten nicht gerade mit cineastischen Meilensteinen hervorgetan. Umso starrsinniger erscheint die Verweigerungshaltung der zuständigen Stellen, die den Film von Regisseur Panicos Chrysanthou – Achtung, jetzt kommt’s! – auch noch selbst gesponsert haben.

Hinter der scheinbar harmlosen Liebesgeschichte zwischen Omeris und Rhodou, angesiedelt in der bukolischen Idylle der Akamas-Halbinsel, verbirgt sich offenbar eine teuflische Substanz, deren Schwefeldunst den verantwortungsbewussten Bürokraten und Politikern 2006 rechtzeitig in die Nase gestiegen ist.

Eine Lovestory zwischen einer Zyperngriechin und einem Zyperntürken, nun gut, das mag ja noch angehen. Im Gefühlsleben der Menschen passieren die absonderlichsten Dinge. Aber dass der Regisseur mit Adonis Evagoras einen EOKA-Kämpfer ersann, dessen nom de guerre sich an einen nationalen Helden anlehnt und der in einer Kirche die Exekution eines vermeintlichen Verräters vollzieht – das ging dann doch zu weit! Die Geburtswehen dieses Films waren schmerzhaft, der Kampf gegen seine Entstehung und Verbreitung wurde mit bürokratischen Hürden ebenso geführt wie mit Medienkampagnen und persönlichen Drohgebärden gegen den Regisseur.

Mittlerweile beeindruckte der Film „Akamas“ und seine zutiefst menschliche Botschaft von der Kraft der Liebe, die über Fanatismus und Spaltung siegt, ein internationales Publikum.

TRAILER AKAMAS

Nur in Zypern selbst gilt der Film noch immer als unerwünscht. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender RIK hält die zyprischen TV-Rechte an dem Film – und strahlte ihn nicht ein einziges Mal aus. Das Kultur- und Bildungsministerium hat den Film zu 25% gefördert. Aber wird das anspruchsvolle Historiendrama deshalb in den Schulen gezeigt? Fehlanzeige! Die Regierung könnte sich mit diesem Meisterwerk brüsten und „Akamas“-DVDs bei der bevorstehenden EU-Ratspräsidentschaft als Gastgeschenke verteilen, um die Zyprer als versöhnungswilliges Volk zu präsentieren. Als der Regisseur diesen Vorschlag unterbreitete, winkten die Verantwortlichen ab. Kein Bedarf!

Panicos Chrysanthou verzweifelt mittlerweile nicht nur an der Wand des Widerstandes, die sein Werk zur Unsichtbarkeit verdammt, sondern auch an den finanziellen Altlasten, die ihm das Kulturministerium während der Arbeit an dem Film aufbürdete. Durch dessen Verzögerungstaktik platzte 2006 ein wichtiger Dreh, den Panicos auf eigene Kosten nachholen musste. Um die daraus entstandenen Schulden in Höhe von 180.000 Euro abzuarbeiten, müsste er 10.000 DVDs verkaufen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen für einen Künstler ohne Verleihfirma und PR-Maschinerie in der Hinterhand. Kaum ein Veranstalter in Zypern ist bereit, „Akamas“ öffentlich zu zeigen. „Was ich brauche“, sagt Panicos Chrysanthou ,„ist politische Rückendeckung.“ Einen Persilschein sozusagen, der den Film als unbedenklich einstuft, so dass Vorführer und Publikum sich nicht mehr einschüchtern lassen von dem Kainsmal, das dem Film in der Papadopoulos-Ära verpasst wurde. Im türkisch-zyprischen Norden wird er von nationalistischen Kreisen mit Misstrauen bedacht, Vorführungen stehen unter Kontrolle, Publikumsdiskussionen werden abgewürgt. Der Film „Akamas“ steht sechs Jahre nach seiner Uraufführung noch immer im Giftschrank der zyprischen Geschichte. Dabei gehört er doch in die Hausapotheke!

P.S. Die Lovestory von „Akamas“ basiert auf einer wahren Geschichte. Hasan (76) lebt noch heute, seine Frau Hambou ist vor vier Jahren verstorben.

Zu treffen sind die echten Charaktere in dem Dokumentarfilm „Unsere Mauer“ (Panikos Chrysanthou, 1993). Auch daran hält RIK die zyprischen TV-Rechte – und hat den Streifen in den vergangenen 19 Jahren noch nie ausgestrahlt. Im ZDF lief der Film 1993 unter dem Titel “Zypern, unsere Liebe”.

Der Regisseur:

Panikos Chrysanthou (geb. 15.08.1951 in Kythrea/ Değirmenlik) studierte Literaur und Philosophie an der Universität Athen. In Zypern arbeitete er als Filmkritiker, Kurator des Filmklubs Nikosia und des Zyprischen Filmarchivs sowie als Direktor des Art-Kinos „Studio“ in Nikosia. Seinen ersten Film drehte er 1987.

„Akamas“ auf DVD mit deutschen/englischen/türkischen Untertiteln kaufen.

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