Ein Krimi, der Millionen kostet

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Aus der Serie: Hinter verschlossenen Türen

© CIPS / vidaluz

Traurige Geschichten sind das, die über die Vermissten in Zypern kursieren. Von Frauen, die auch fünfzig Jahre nach dem Verschwinden ihres Mannes auf der Türschwelle sitzen und den Weg nicht aus den Augen lassen, den er entlang kommen müsste. Die seit Jahrzehnten nicht die Früchte im Garten pflücken, damit ihr Sohn es tun kann, wenn er nach Hause kommt – so wie er es früher immer mochte… Viele von ihnen sterben, ohne jemals Gewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten zu erlangen.

Dabei gibt es schon seit 1981 das Komitee für vermisste Personen in Zypern (CMP). In der öffentlichen Wahrnehmung besteht dieses Gremium aus drei Personen – einem türkisch-zyprischen Vertreter, einem griechisch-zyprischen und einem neutralen Mitglied – und bekommt unaufhörlich Gelder gespendet. Der skeptische Beobachter fragt sich, wofür um alles in der Welt diese Summen verwendet werden, die in den vergangenen acht Jahren von Drittländern zur Verfügung gestellt wurden: Deutschland gab 220.000 Euro, Irland 50.000 Euro, Slowakei 10.000 Euro, Schweiz 40.000 Franken, weitere Hundertausende kamen aus UK, den USA, Spanien oder den Niederlanden. Ganz zu schweigen von den Beiträgen, die Zypern und die Türkei einfließen lassen. Die Europäische Union allein hat insgesamt schon über 16 Millionen Euro in das Projekt gepumpt. Die Ergebnisse scheinen dagegen auf den ersten Blick recht dürftig: Seit 2006 wurden 477 Leichen gefunden und identifiziert.

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Dabei betonen doch alte Einheimische im vertraulichen Gespräch immer wieder, dass der Verbleib der rund 2.000 vermissten Zyprer (502 Zyperntürken und 1.493 Zyperngriechen) aus der Zeit von 1963/64 und 1974 kein Geheimnis sei. Ein Eingeständnis der traurigen Gewissheit, dass sich die Zyprer gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Beteiligte und Beobachter von damals wissen offenbar, wo die Leichen verscharrt wurden. Doch sie schweigen. Aus Angst, eine Gewalttat einzugestehen oder aus Angst vor den Repressalien der Täter und ihrer Nachkommen. Dieses Schweigen kostet Geld – sehr viel Geld!

© CIPS / vidaluz

Wohin die Millionen fließen, die das CMP erhält, wurde eindrucksvoll bei einer Ausstellung seiner Arbeit im April 2014 präsentiert. Zum ersten Mal (!) öffnete sich das Komitee auf diese Weise direkt, ohne einen Umweg über die Medien zu nehmen. Bei diesem Informationstag im Goethe-Institut in Nikosia waren die drei paritätischen Repräsentanten des CMP nur offizielles Beiwerk. Hauptpersonen waren die 70 jungen Wissenschaftler, die sich jeden Tag hautnah der Suche nach Zyperns Vermissten widmen.

 

Warum die Suche so teuer ist? Weil die Nachforschung zu jedem einzelnen Schicksal einem Krimi gleicht und meist Jahre dauert.

Wer eine Leiche verschwinden lassen will, der lässt sie nicht einfach am Wegrand liegen – er wirft sie in einen Brunnen, einen felsigen Abhang hinunter, in ein Flussbett oder irgendwo auf einen Acker. Wenn die Vorhut, die Researcher des CMP, einen Tipp bekommen haben, wo eine verscharrte Person oder gar ein Massengrab Ausgrabungvermutet wird, dann setzen sich die Archäologen in Bewegung. Um an die Skelette zu gelangen, braucht es zum Teil schwere Technik. In einen Brunnen kann man sich nicht einfach abseilen und zu graben anfangen. Eine Rampe wird gebaggert, seitliche Stützwände angelegt, damit das Erdreich nicht nachrutscht. Aus dem nassen Grund des Brunnens hervorgeholter Schlamm wird sorgfältig gesiebt, um nicht den winzigsten Knochen zu übersehen. In anderen Fällen werden Vorgärten und Höfe freigebaggert, Archäologen seilen sich an gefährlichen Klippen ab, Flussbetten werden von Vegetation befreit oder ganze Felder werden mühsam per Hand umgegraben.

Oft war all die Arbeit vergeblich, weil der Tipp falsch war oder in den vergangenen Jahrzehnten die menschlichen Überreste hinweggeschwemmt oder untergepflügt wurden.

Sind die Archäologen jedoch fündig geworden, beginnt die Puzzle-Arbeit der Anthropologen. Denn es sind keine vollständigen Skeletts, die bei ihnen auf dem Untersuchungstisch landen, sondern einzelne Knöchelchen, Zähne oder, im Gegenteil, ein ganzer Haufen Knochen. Wie viele Menschen lagen überhaupt in diesem Grab? Handelt es sich um einen Mann oder eine Frau? Wie alt war er oder sie? Und – die entscheidende Frage – wer war die Person? Hier helfen pathologische Hinweise – Zahnersatz, Operations- oder Verletzungsmerkmale und Knochenverformungen.

Nun machen sich die Genetiker ans Werk, die Überreste einer Person zu identifizieren. Manchmal bleibt von einem Menschen nichts weiter als Fragmente aus dem Kiefer, dem Knie oder dem Fuß. Das ist alles, was noch über ihn und seinen Verbleib Auskunft geben kann. Eine Probe wird entnommen und in das DNA-Labor nach Bosnien-Herzegowina gesandt. Liegt ein genetisches Profil vor, besteht aber noch immer keine absolute Sicherheit.

Jetzt erfolgt der Abgleich: Stimmen Alter und Jahr des Verschwindens einer Person mit den Ergebnissen der Knochenuntersuchung überein? Gehörten gefundene persönliche Gegenstände, die teilweise verrottet und Uhrkaum identifizierbar sind, wirklich dem Vermissten? Stimmen alle pathologischen Merkmale mit den Erinnerungen der Familie an Erkrankungen oder Verletzungen überein? Erst wenn alle Hinweise wirklich deckungsgleich sind und alle Zweifel ausgeschlossen, werden die Familien informiert. Die Psychologen des CMP-Teams begleiten sie in einen Raum, in dem die Überreste aufgebahrt sind. Allein würden viele sicher dieser Situation nicht gewachsen sein, wenn sie sehen, dass von dem geliebten Mann oder Sohn, den sie lebendig vor Augen haben, nur verblichene Knochen übrig sind, die in manchen Fällen nicht mal ein ganzes menschliches Skelett ergeben.

© CIPS / vidaluz

Das Begräbnis ist der Moment, wo die Angehörigen nach 40 oder 50 Jahren der Ungewissheit endlich Abschied nehmen können. Sie finden Seelenfrieden und gestatten sich schließlich zu trauern. Und sie bekommen die Chance, zu verzeihen.

Für diesen inneren Frieden arbeiten die jungen Wissenschaftler des CMP, Zyperngriechen und Zyperntürken, jeden Tag zusammen. Sie graben die Schuld des Landes aus, verstricken sich in die Schicksale von Familien. Sie nehmen ihnen die Hoffnung, aber sie geben ihnen Gewissheit. Es ist ihr Beitrag, die Geschichte dieser Insel aufzuarbeiten. Das ist jeden Euro wert!

Die Ausstellung „The Search for our Missing – The work of the Commitee on Missing Persons in Cyprus“ wird in den kommenden Monaten noch in anderen Städten der Insel gezeigt. Termine stehen noch nicht fest, aber es lohnt sich, die Augen offen zu halten: http://www.cmp-cyprus.org

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