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Als Rabbi Arie Zeev Raskin 2002 als Emissär der Chabad-Lubawitsch-Bewegung auf die Insel kam, fand er nichts vor, woran er anknüpfen konnte. „Hier gibt es keine Erinnerungen an Lieder oder Feiertage, keine Gebäude oder Traditionen.“ Es scheint, als habe die jüdische Geschichte in Hunderten von Jahren Zypern immer nur mit dem Flügel gestreift. Einen kleinen Abdruck hat sie hier und da hinterlassen.
Römische Periode
Es wird behauptet, dass es auf dem Friedhof von Margo noch Reste von Grabsteinen geben soll, die aus der Römerzeit stammen. Aus jenen Jahren, bevor die Juden aus Zypern vertrieben worden waren. Als Folge des Babylonischen Aufstands von 115 bis 117 n.Chr., bei dem sich auch die jüdische Bevölkerung in Zypern erhob, wurde ein Gesetz erlassen, das den Juden auf alle Zeit das Betreten Zyperns verbot, selbst im Falle eines Schiffbruchs. Eine drakonische Strafe, aber angeblich sollen die Juden die damalige Hauptstadt der Insel, Salamis, zerstört und 240.000 Griechen ermordet haben. Der Bann jedoch muss bald wieder aufgehoben worden sein, denn die Inschrift an einer Säule aus dem 4. Jahrhundert, die heute im Zyprischen Nationalmuseum ausgestellt ist, berichtet von der Renovierung einer Synagoge. Andere schriftliche Zeugnisse weisen darauf hin, dass antike Synagogen in mindestens drei Orten existiert haben müssen: Golgoi, Lapethos und Constantia-Salamine.
Jedenfalls lässt sich der Beweis der historischen Grabsteine schwer erbringen, denn der Zugang zum Friedhof und zur ehemaligen jüdischen Siedlung ist gesperrt. Er liegt seit dem Einmarsch der türkische Armee und der Teilung der Insel 1974 im militärischen Sperrgebiet und hat unter Vernachlässigung und Plünderung gelitten.
Osmanische Periode
Dabei waren es doch die Türken selbst, die in der Neuzeit mit gewissem Druck dafür sorgten, dass jüdisches Leben auf der Insel wieder in Gang kam. Auf höchste Order aus dem Jahre 1576, fünf Jahre nach Übernahme der Insel durch die Osmanen, sollten zum Beispiel Tausend reiche Juden aus Safed in der Hafenstadt Famagusta angesiedelt werden.
Britische Periode
Nachdem Zypern 1878 in britische Verwaltung überging, versuchten sich jüdische Einwanderer auf der Insel als Farmer zu etablieren. Eine Gruppe von 15 Familien aus Russland, die sich Ahavat Zion (die Liebe Zions) nannten, erreichte 1897 den Ort Margo. Keiner von ihnen hatte große Erfahrungen im landwirtschaftlichen Geschäft, aber sie konnten die Jewish Colonization Association (ICA) davon überzeugen, ihnen für ihr Unternehmen Geld zur Verfügung zu stellen. Es wurden 11.110 Hektar Land erworben, Häuser und Ställe gebaut. Die ICA sorgte dafür, dass Saatgut und ein Tierbestand beschafft werden konnten. Sie betrieb eine Schule, eine Synagoge, eine Bäckerei und eine Mühle. Allerdings hatten die Neusiedler die Lebensbedingungen in der unwirtliche Mesaoria-Ebene unterschätzt. Die Hitze, die Malaria übertragenden Moskitos und das Fehlen jeglichen kulturellen Lebens zwangen die meisten bald dazu, ihr Projekt aufzugeben. Die ICA suchte Nachfolger und fand sie unter den Absolventen der Mikveh Yisrael Agricultural School in Jaffa. Zusammen mit den verbliebenen fünf Familien etablierten sie erfolgversprechende landwirtschaftliche Siedlung, die bald auch neue Ankömmlinge aus Europa anzog. Aber die Malaria sorgte dafür, dass die Siedlung nie zur Blüte gelangte. Anfang der 1920er Jahre lebten noch 189 Siedler verstreut zwischen Margo, Chumlchuk (Comlekci) und Kouklia (Köprülü). Die ICA sah keine Zukunft mehr für eine jüdische Landwirtgemeinde in Zypern und strich die Unterstützung. Die meisten der verbliebenen Siedler zogen nach Palästina/Israel, die letzten von ihnen in den 1950er Jahren. Die letzte jüdische Beisetzung auf dem Friedhof in Margo fand 1960 statt.
1945-1949
Unrühmliche Bekanntheit erlangte Zypern als Internierungsstätte für ca. 52.000 Juden, die auf dem Weg nach Palästina von britischem Militär abgefangen und auf die nahe gelegene Insel umgeleitet wurden. Bereits im Dezember 1945, so der britische Kolonialminister in seinem Telegramm vom 5. August 1946 an den Hochkommissar von Palästina und den Gouverneur von Zypern, sei die Quote, die 75.000 jüdischen Immigranten die Einreise nach Palästina erlaubte, bereits ausgeschöpft gewesen. So lange keine endgültige Lösung über die künftige Palästina-Politik getroffen sei, hätte die Regierung seiner Majestät eine weitere monatliche Rate von 1.500 gestattet. Die einsetzende Flut illegaler Einreisen sei dann jedoch gegen diese monatliche Quote aufgerechnet worden, die nun überschritten sei. Die offizielle Regierungserklärung zur Deportation erfolgte am 13. August 1946.
Gemäß den Aufzeichnungen jener Zeit wurden zwischen 1946 und 1949 in den zyprischen Camps zwischen Famagusta und Limassol 1.916 Kinder geboren, 126 Menschen starben und es wird angenommen, dass es 1.573 Insassen gelang zu flüchten. Meist mit Hilfe der Hagana (paramilitärische Untergrundorganisation) und zyprischen Einheimischen.
Einer von ihnen war „Papa“ Prodromos Papavasiliou. Er organisierte von Beginn an eine breit angelegte Hilfsfront für die internierten Juden, die für alle denkbare Unterstützung von Lebensmitteln bis hin zu ärztlicher Hilfe, aber auch für Unterstützung bei der Flucht sorgte. Für seinen selbstlosen Einsatz in jener Zeit verlieh ihm der Staat Israel 1999 den Titel eines Honorarkonsuls. In Jerusalem und Nazareth wurden Pinien-Haine in seinem Namen gepflanzt.
Elsie und David Slonim
Heute leben etwa 350 jüdische Familien in Zypern, also etwa 2.000 Juden. Die meisten sind Geschäftsleute, die sich im Banken-, Immobilien- oder Offshore-Markt niedergelassen haben. Nur eine Handvoll, 20 bis 30, sind auch hier geboren oder alteingesessen. Eine von ihnen ist Elsie Slonim (Jahrgang 1917).
Die Wienerin folgte ihrem Mann David 1939 nach Zypern. Ihre wechselvolle Lebensgeschichte erschien 2012 unter dem Titel „Rosen aus der Sperrzone“*. David Slonim selbst war für die Insel ein Segen. Der Agronom, der als Kind mit seiner Familie aus Sibirien nach Palästina zog, schuf seit 1931 in Zypern ein Plantagenwunder. Seine Zitrusfrüchte und Weintrauben sprossen nur so aus dem einst unfruchtbaren Boden der Fassouri-Region bei Limassol. Noch heute profitiert die Wirtschaft von seinem grünen Daumen. Seine Cyprus Palestine Plantation ging an die Lanitis-Familie, die heute der größte Frucht- und Saftproduzent der Insel ist. Auch Slonims Bau- und Grundstücksfirma, die in den Anfangsjahren vorwiegend jüdische Ingenieure beschäftigte, wurde später in Cybarco umbenannt und gehört heute ebenfalls Lanitis. Daniel Slonim starb 2007 nach 101 Lebensjahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Larnaka beigesetzt.
Heute
Dieser Friedhof liegt auf einer staubigen Fläche zwischen Flughafen, Strandpromenade und Bezirksgericht. Nur spärlich wachsen hier ein paar Sträucher, nicht einmal ein Brunnen oder ein Wasserhahn sind auf dem mit einer weißen Mauer umgebenen Gelände zu finden. Angeblich stammt auch dieser Friedhof aus alten Zeiten, doch davon zeugt nur noch ein Grabstein aus dem Jahr 1912. Die übrigen steinernen Zeugen liegen wohl weit unter dem trockenen, harten Boden. Oder sie wurden im Laufe der Jahrhunderte für lebendigere Bauvorhaben missbraucht. Die restlichen sieben Gräber datieren aus den letzten 20 Jahren. Nur das Chabad-Zentrum kümmert sich um die Grabstätten. Die Familienangehörigen leben verstreut auf der ganzen Welt.
Seit 2005 die Synagoge in Larnaka vom aschkenasischen Oberrabbiner Yona Metzger aus Israel festlich geweiht wurde, gibt es wieder ein reges jüdisches Gemeindeleben in Zypern. Es schauen viele Geschäftsreisende und Urlauber in den Gemeindezentren in Larnaka oder Kerynia vorbei. Sie kommen für ein koscheres Essen oder für ein Gebet und ziehen dann weiter. Die Verteilung der Chabad-Zentren, sagt der Oberrabbiner von Zypern, Arie Zeev Raskin, habe keinen politischen Hintergrund. Man wolle damit nicht der Teilung der Insel entsprechen. Es gehe einfach um die bessere Erreichbarkeit der Häuser in verschiedenen Regionen des Landes. Wenn auch die Frauentreffen oder die Sonntagsschule einigen Zulauf haben, so konzentriert sich das jüdische religiöse Leben in Zypern doch auf den Sabbat und die hohen Feiertage. Bei denen es äußerst lebendig zugeht!
Rabbi Raskin weckte mit einem PR-Coup das Interesse der jüdischen Welt für Zypern. Der Ya’in Kafrisin (hebräisch für Zypernwein) ist im Talmud als Teil der religiösen Zeremonie im Tempel zu Jerusalem erwähnt: Für das tägliche Rauchopfer wurden elf verschiedene Spezereien verbrannt, denen zur Verstärkung ihres Aromas weitere Zutaten beigegeben wurden. So sollten sich Tsiporen (wahrscheinlich Gewürznelken) in Ya‘in Kafrisin vollsaugen, um ihren Duft beim Verbrennen zu intensivieren. In Erinnerung an den Jerusalemer Tempel und seinen Weihrauch-Duft taucht daher in der Aufzählung der Räucherzutaten auch „Ya‘in Kafrisin“ im Gebet der orthodoxen Juden in der ganzen Welt bis heute auf. Ein echter zyprischer Wein zum Trinken mit dem Namen „Ya‘in Kafrisin“ wird seit 2007 in Zusammenarbeit des Rabbis mit dem Lambouri-Weingut im Troodos-Gebirge unter koscheren Bedingungen hergestellt und gibt damit der Jahrtausende alten Überlieferung eine symbolische Gestalt. Als geschützte Marke, versteht sich.
Agia Napa
Im Inselwesten gibt es eine Klientel, die das ganz besondere Interesse der Chabad-Rabbiner genießt. Jedes Jahr im Sommer reisen Tausende israelische Jugendliche nach Agia Napa, um noch einmal hemmungslos zu feiern, bevor sie ihren 3jährigen Militärdienst antreten müssen. Mitten in der Partyzone hat sich ein Chabad-Jugendzentrum etabliert, das im Juli und August von sechs jungen Rabbis betrieben wird. Sie mögen diesen Sommerjob, der zwischen Seelsorge und Entertainment schwankt. Im Chabad-Zentrum stehen Internetanschluss, Brettspiele und freies Essen zur Verfügung. Die jungen Rabbis sind unterhaltsam und tragen „I love Chabad“-T-Shirts.
Viele der Jugendlichen haben mit Religion gar nichts am Hut. Aber in der Ferne öffnen sie sich offenbar der Idee, sich mit ihren religiösen Wurzeln zu verbinden. Tatsächlich kommen an einem Freitagabend bis zu 200 junge Leute, um den Sabbat zu feiern, bevor sie sich die Nacht in den angesagten Clubs um die Ohren schlagen. Manche von den Mädchen entzünden zum ersten Mal in ihrem Leben die Sabbatkerze. Die 17- bis 18-Jährigen helfen sich gegenseitig bei den Textzeilen der Lieder aus oder erinnern einander daran, dass die Jungs eine Kippa aufsetzen, bevor sie den Gebetsraum betreten. Das Outfit für die Nacht steht schon – Gel im Haar, High Heels, schulterfreie Tops. Dass sie sich dennoch beim Sabbat so präsentieren dürfen, empfinden sie als „extrem cool“.
Viele Zyprer wissen nicht mal, dass es eine Synagoge in Zypern gibt und sind erstaunt, von einer jüdischen Gemeinde auf der Insel zu hören. Nur aus Larnaka oder Kerynia kommen von Zeit zu Zeit Einheimische im Chabad-Zentrum vorbei. „Es gibt etliche, die mehr wissen wollen über das jüdische Leben“, erzählt Rabbiner Raskin, „und die nehmen dann auch an unseren Feiern oder Gottesdiensten teil. Manche rufen uns zu Feiertagen an, um zu gratulieren oder bringen Früchte vorbei.“ In der jetzigen Krise engagiert sich die jüdische Gemeinde für arme Familien. In ihrer Pressemitteilung zum 10. Jahrestag des Jüdischen Gemeindezentrums in Zypern wird auf ihre Hilfsorganisation „Kindness in Cyprus“ verwiesen, die unter den folgenden Telefonnummern erreichbar ist: 96822657-96234074-97765453.
10th year Anniversary of The Cyprus Jewish Community Center – Chabad in Cyprus
* Am 12. Juni 2013 findet ein Gesprächsabend mit Elsie Slonim im Goethe Institut Zypern in Nikosia statt.







