Kampf den Ellenbogen

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Gegen eine besondere Art von Klimawandel will die zyprische Regierung ab September vorgehen: Gegen soziale Kälte! In einer Periode, in der Gürtel enger geschnallt werden und Häuser drohen, unterm Hammer des Auktionators zu landen, weil die Bewohner ihre Kredite nicht bedienen können, wird die berühmte zyprische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft womöglich zu einer bedrohten Spezies. Schließlich ist es sattsam bekannt, dass Menschen nach einem Sündenbock suchen, wenn es ihnen schlecht ergeht. Und wenn man erst Fremden und dann den eigenen Nachbarn nicht mehr das Schwarze unterm Fingernagel gönnt, geht die Harmonie einer Gesellschaft endgültig zum Teufel.

Ob die Regierenden in Zypern nur prophylaktisch handeln, weil sie verhindern wollen, dass das unterkühlte Nebeneinander der Menschen in anderen Krisenstaaten auch auf der Insel Fuß fasst, oder ob die ersten Anzeichen mangelnder Solidarität sie aufgerüttelt haben – ein Aktionsplan dagegen ist jedenfalls schon auf dem Weg. Mit dem neuen Schuljahr wird ein Programm in den Lehrplan aufgenommen, das die Schüler an ehrenamtliche Tätigkeiten heranführen will. Ab sofort muss jede Schule mindestens ein Projekt zum Thema Freiwilligkeit ins jährliche Bildungsprogramm aufnehmen. Auch Ausflüge sollen dazu genutzt werden, die Schüler mit der Arbeit von NGOs und anderen ehrenamtlichen Vereinen vertraut zu machen. Der staatliche Beauftragte für ehrenamtliche Tätigkeiten, Yiannakis Yiannaki, fasst die erhoffte Wirkung so zusammen: „Wir müssen unsere Jugend mit den Werten und Tugenden der Freiwilligkeit ausstatten, mit den Werten des Gebens, der sozialen Solidarität, der Liebe zu unseren Nachbarn und mit all den anderen, zu denen sich die Ehrenamtlichkeit bekennt.“

Sich für fremde Anliegen zu engagieren, ohne dafür bezahlt zu werden, ist eine menschliche Fähigkeit, die weltweit mit zunehmendem Wohlstand und dessen ständig drohenden Verlust mehr und mehr abhanden gekommen ist. Wer arm ist, der gibt sein letztes Hemd. Das lehren schon die Grimm’schen Märchen. Wer es aber „zu etwas gebracht hat“, beäugt argwöhnisch seine Umgebung, ob sie ihm nicht das kleine Glück entreißen will. Und wenn nun gar von staatswegen an den Pfründen gerüttelt werden muss, um das Land wieder zahlungsfähig zu machen, droht natürlich auch im kleinen, freundlichen Zypern eine Ellenbogengesellschaft wie in anderen Leistungsgesellschaften. Es zeugt also von einer erstaunlichen Weisheit und Weitsicht, die Jugend mit Qualitäten ausstatten zu wollen, die ansonsten womöglich bald aussterben. So bleibt das zyprische Zauberwort „Kopiaste!“, das jeden Fremden zum Verweilen einlädt und irgendwie auch ein Synonym für „teilen“ ist, in Zukunft hoffentlich mehr als eine leere Worthülse, die von der Tourismuszentrale nur noch als Lockmittel eingesetzt wird.

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